Reinigung | © Bauverein Wernerkapelle Bacharach e.V.

Erinnerung braucht Pflege

Es sind nur wenige Zentimeter große Messingplatten – und doch erinnern sie an ganze Lebensgeschichten. Der Vorstand des Bauvereins Wernerkapelle Bacharach e. V. hat die fünf in der Bacharacher Altstadt verlegten Stolpersteine gereinigt. Auch die beiden Stolpersteine, die derzeit in einer Vitrine im Rathaus aufbewahrt werden, wurden gesäubert.

Peter Keber, Katharina Hansen, Heinz-Willi Eichner, Dr. Randolf Kauer und Rainald Kauer machten damit deutlich: Erinnerung darf nicht verblassen. Sie braucht Aufmerksamkeit, Pflege und Menschen, die sie wachhalten. Die fünf Stolpersteine im Bacharacher Stadtgebiet erinnern an Menschen, die während der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft verfolgt und ermordet wurden: Antonie Herzberg, Emma Keller, Willi Keller, Heinrich Paff und Maria Catharina Louise Jeiter.

Antonie Herzberg wurde 1862 geboren. Die ledige Frau lebte zuletzt in einer Mansarde in der Bauerstraße und verdiente sich als Handarbeitslehrerin ihren Lebensunterhalt. 1942 wurde sie zunächst nach Theresienstadt und wenige Wochen später nach Treblinka deportiert, wo sie ermordet wurde.

KellerDie Geschwister Willi und Emma Keller lebten in der Langstraße 43. Willi Keller, Jahrgang 1894, war gelernter Schneider und blieb unverheiratet. Seine Schwester Emma, geboren 1893, lebte ebenfalls unverheiratet im Elternhaus. Beide wurden 1942 deportiert. Die genauen Umstände ihres Todes sind nicht vollständig geklärt; sie wurden nach den damaligen Erkenntnissen als Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung für tot erklärt. Ihre Stolpersteine erinnern heute an ihr Leben und ihr gewaltsames Verschwinden.

Heinrich Paff, geboren 1895 in Bacharach, war Uhrmacher und lebte in der Langstraße. Er war kein jüdisches Opfer, sondern wurde im Rahmen der nationalsozialistischen sogenannten „Euthanasie“ ermordet. Nach seiner Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Andernach wurde er am 7. Mai 1941 nach Hadamar gebracht und noch am selben Tag in der dortigen Tötungsanstalt vergast.

Der fünfte Stolperstein erinnert an Maria Catharina Louise Jeiter, Jahrgang 1891. Sie wurde zunächst in die Heil- und Pflegeanstalt Eichberg eingewiesen und am 16. November 1944 nach Hadamar verlegt. Dort wurde sie am 29. November 1944 ebenfalls als Euthanasieopfer ermordet.

Auch die beiden Stolpersteine in der Vitrine des Rathaussaals erzählen von Bacharacher Schicksalen. Sie erinnern an die Schwestern Bertha und Jenny Wolff, die 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden und dort wenige Wochen später starben. Ihre Steine konnten bislang nicht dauerhaft im Straßenraum verlegt werden und werden deshalb in der Vitrine aufbewahrt.

Nach der Reinigung nahm sich der Vorstand des Bauvereins bewusst Zeit für ein gemeinsames Gedenken. Die Namen, Lebensdaten und Schicksale der Menschen wurden verlesen und damit ihre Biografien wieder in das Bewusstsein gerufen. Denn ein Stolperstein ist mehr als ein Gedenkzeichen im Straßenpflaster. Er führt die Erinnerung dorthin zurück, wo Menschen tatsächlich gelebt haben: in die Nachbarschaft, vor ihre Häuser, mitten in unsere Stadt.

Der Bauverein Wernerkapelle sieht darin auch eine besondere Verantwortung. Die Wernerkapelle selbst steht für ein schwieriges Kapitel der Geschichte des christlich-jüdischen Verhältnisses. Gerade deshalb gehört es zu den Anliegen des Vereins, Erinnerung wachzuhalten, Geschichte sichtbar zu machen und sich für ein respektvolles und friedliches Zusammenleben einzusetzen. „Wir wollen nicht nur die Steine sauber halten. Wir wollen die Namen und die Geschichten der Menschen dahinter lebendig halten“, so die gemeinsame Haltung des Vorstandes.

Reinigung | © Bauverein Wernerkapelle Bacharach e.V.

Die Reinigung der Stolpersteine ist deshalb eine kleine, aber wichtige Geste. Sie macht sichtbar, dass Gedenken nicht allein an Jahrestagen stattfindet. Erinnerung braucht regelmäßige Aufmerksamkeit – und Menschen, die bereit sind, Verantwortung dafür zu übernehmen. Denn: Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.

 

Text und Bilder: Rainald Kauer

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