Rheinromantik
Lore Lay

Victor Hugo (1802-1885)

Insgesamt sind es 2 Reisen, die ihn 1839/40 an den Rhein führten und über die er in Briefen nach Hause berichtete.
Nach eigenen Angaben, verbrachte er 3 Tagen in Bacharach.


BACHARACH
Ich befinde mich in diesem Augenblick in einer der schönsten, angenehmsten und unbekanntesten alten Städte der Welt. Ich bewohne Gelasse wie die von Rembrandt, mit Bauern voll Vögeln an den Fenstern, sonderbaren Laternen an der Decke und mit Wendeltreppen in den Stubenecken, woran die Sonnenstrahlen hinaufschleichen. Im Schatten brummten eine alte Frau und ein Spinnrad mit gewundenen Füßen um die Wette.
Drei Tage brachte ich in Bacharach zu, einer Art Wunderland am Rhein, vergessen vom guten Geschmack Voltaires, vergessen von der französischen Revolution, von den Kriegen Ludwigs XlV., vom Kanonendonner der Jahre 1797 und 1805 und den modischen Architekten, die Häuser wie Kommoden und Schreibschränke machen. Bacharach ist wohl der älteste von Menschen bewohnte Ort, den ich in meinem Leben gesehen. Man glaubt, daß ein Riese, der mit Antiquitäten gehandelt, am Rhein einen Kramladen aufschlagen wollte, einen Berg als Gestell genommen und in seinem Riesengeschmack von oben bis unten einen Haufen gewaltiger alter Stücke ausgelegt habe. Das fängt unter dem Rhein selbst an. Hier sieht man aus dem Wasser einen Felsen hervorragen, der nach einigen vulkanischen Ursprungs, nach anderen eine keltische Opferstätte und wieder nach anderen ein römischer Altar, die ara Bacchi ist. Am Ufer des Flusses stehen zwei oder drei alte, durchlöcherte Schiffsgerippe, entzweigeschnitten, aufrecht in der Erde. Sie dienen Fischern als elende Hütten. Hinter diesen Hütten eine ehedem mit Zinnen bewehrte Ringmauer, von vier geborstenen, eingestürzten Türmen gestützt. In dieser Ringmauer sind Fenster und Außengänge der Häuser gebrochen. Weiter am Fuße des Berges ein unbeschreibliches Gemenge belustigender, köstlicher Häuschen, phantastische Türmchen, wunderliche Giebel, deren doppelte Dachmauern auf jeder Stufe Türmchen gleich hervorgeschossenem Spargel tragen, schweres Gebälk, das um die Hütten zierliche Arabesken zeichnet, geschnörkelte Speicher, durchbrochene Balkone, Schornsteine, die voller Rauch und Ruß Tiaren und Kronen vorstellen, bizarre Wetterfahnen, die nicht Wetterfahnen, sondern Anfangsbuchstaben eines alten Manuskripts, mit dem Ausschneideeisen in Blech gefertigt, sind und im Winde knarren. (über meinem Haupte ein R, das die ganze Nacht hindurch seinen Namen rrr verkündete.) In diesem wundervollen Baugewirr ein verwinkelter Platz, von einem Block Häuser gebildet, die zufällig vom Himmel gefallen, und mehr Buchten, Inseln, Riffe und Vorgebirge hat als ein Fjord in Norwegen. Auf einer Seite dieses Platzes zwei Vierecke gotischer Bauart, die überhangend, gesenkt und faltig sind gegen alle Regeln der Geometrie und des Gleichgewichts keck aufrecht halten. Auf der anderen Seite eine schöne romanische Kirche mit einem rautenförmig gezierten Portal von einem hohen geraden Turm überragt, an der Apsis von einer schwarz marmornen Galerie kleiner Rundbögen mit Säulchen umgeben, und unten rings mit Grabsteinen aus der Renaissance wie ein Schrein ausgelegt. Oberhalb dieser byzantinischen Kirche, auf der Anhöhe die Ruine einer anderen Kirche des 15. Jahrhunderts aus rotem Sandstein, ohne Türen, Dach und Fenster, ein prächtiges Gerippe, das sich stolz am Himmel abzeichnet. Endlich auf der Höhe eines Berges als Krone die Überreste und efeubedeckten Bruchstücke eines Schlosses, der Feste Stahleck, Wohnsitz der Pfalzgrafen im lQ. Jahrhundert.

Alles das ist Bacharach.

Diese alte Feenstadt, wo es von Sagen und Legenden wimmelt, wird von einem malerischen Schlag von Einwohnern bewohnt, die alle, die Alten und die Jungen, die Kinder und Großväter, kropfige und schöne Mädchen, in ihrem Blick, in ihren Zügen und ihrer Haltung etwas haben, das an das 13. Jahrhundert erinnert. Das hindert aber die schönen Mädchen keineswegs, sehr hübsch zu sein.
Von der Höhe des Schlosses hat man eine unermeßliche Aussicht und entdeckt in den Bergzügen fünf andere Schloßruinen; auf dem linken Ufer Fürstenberg, Sooneck und die Heimburg; auf der anderen Seite des Flusses sieht man den großen Gutenfels, voll Erinnerungen an Gustav Adolf; und über einem Tal, dem märchenhaften Wispertal, auf dem Gerüst eines Hügels, der ihm als Sockel dient, ein Bündel schwarzer Türme, das wie die alte Bastille von Paris aussieht. Es ist das ungastliche Schloß, dessen Tore Sibo von Lorch den Gnomen in den Gewitternächten zu öffnen sich weigerte.
Bacharach liegt in einer wilden Gegend. Wolken, fast immer über seinen Ruinen hängend, jähe Felsen und ein wilder Felsbach umgeben würdig die alte ernste Stadt, die einst römisch, dann romanisch gewesen, endlich gotisch geworden, aber nicht modern werden will. Merkwürdig, ein Gürtel von Klippen hindert an allen Seiten die Anfahrt der Dampfschiffe und hält die Zivilisation fern.
Kein Mißklang der Farben, keine weiße Fassade mit grünen Fensterläden stört den düsteren Einklang des Ganzen. Hier wirkt alles zusammen, selbst der Name »Bacharach« wie ein alter Ruf der Bachanten, dem Sabbat angepaßt.
Als getreuer Geschichtsschreiber muß ich jedoch bemerken, daß ich eine Putzmacherin mit ihren rosenroten Bändern und weißen Hauben unter einem schwarzen Spitzbogen des 12. Jahrhunderts eingerichtet sah.
Herrlich braust der Rhein um Bacharach. Es scheint, als liebe und wahre er stolz seine Altstadt. Man möchte ihm zurufen: Gut gebrüllt, Löwe! Auf Weite eines Armbrust-Schusses verfängt und windet er sich in einen Felsentrichter und ahmt Schaum und Gebrause des Ozeans nach. Diese böse Stelle heißt »das wilde Gefährt«. Es sieht schreckhafter aus, ist aber weniger gefährlich als »die Bank« bei St. Goar.
Wenn die Sonne eine Wolke beiseite streicht und aus einem Dachfenster des Himmels blickt, so ist nichts so anziehend wie Bacharach. Alle diese betagten und mürrischen Fassaden entrunzeln sich und werden lustig. Die Schatten der Türmchen und der Wetterfahnen zeichnen tausend sonderbare Gestalten. Die Blumen – es gibt überall Blumen – kommen zugleich mit den Mädchen an die Fenster, und auf den Schwellen der Häuser erscheinen in heiteren und friedlichen Gruppen bunt durcheinander Kinder und Greise, sich im Mittagsstrahl zu wärmen, die Greise mit jenem bleichen Lächeln, das: »Schon?« und der Kinder, deren freundliches Auge: »Noch nicht?« bedeutet.
Mitten durch dieses gutmütige Volk geht und spaziert ein preußischer Sergeant in Uniform mit einem Gesicht, halb Wolf, halb Hund, auf und ab.
Übrigens sah ich, rühre dies nun vom Geist der Stadt oder von preußischer Eifersucht her, über den Toren der Wirtshäuser keinen anderen großen Mann als jenen Eroberer mit dem Rokoko-Gesicht, jene Gattung Napoleon-Ludwig XV., den wahren Helden, wahren Denker und wahren Fürsten von ehemals, den man Friedrich den Zweiten nennt.
Zu Bacharach ist ein Besucher ein Ereignis. Man ist nicht nur fremd, man ist befremdet. Der Reisende wird mit staunenden Augen angesehen und verfolgt. Das kommt daher, weil außer Malern mit dem Ränzlein auf dem Rücken kein Mensch die alte, von dem Pfalzgrafen verschmähte Residenz besucht, das gefürchtete Loch, das die Dampfschiffe meiden und das alle Rheinführer als eine traurige Stadt bezeichnen. Ich muß aber noch gestehen, daß in einem Kabinett nahe an meinem Zimmer sich eine Lithographie befand, Europa vorstellend, das heißt zwei schöne entblößte Damen und einen schönen schnurrbärtigen Herrn, die an einem Piano singen, und worunter folgende leichtfertige, Bacharachs sehr unwürdige, Verse zu lesen waren:

EUROPA
Europa, Zauberin, in deren Namen
Frankreich Gesetze flücht'ger Mode lehrt:
Vergnügen, schöne Kunst und holde Damen
Sind Götzen, die dein glücklich Volk verehrt.

Die Putzmacherin mit ihren roten Bändern, der Steindruck mit dem Vierzeiler aus dem Kaiserreich, das ist die Morgenröte des 19. Jahrhunderts, die über Bacharach aufgeht.
Unter meinen Fenstern hatte ich eine kleine, glückliche und heitere Welt. Es war eine Art zu der romanischen Kirche gehörigen Hinterhofs, woraus man über eine steile Lavatreppe bis zu den Ruinen der gotischen Kirche hinaufgelangen konnte. Hier spielten alle Tage im hohen Gras, das ihnen bis ans Knie reichte, drei kleine Knaben und zwei kleine Mädchen, die tapfer auf die Knaben losschlugen. Zusammen mochten sie fünfzehn Jahre alt sein. Der Rasen, stellenweise leicht gewölbt, war so dicht, daß man nirgends den Boden sah. Auf diesem Rasen erhoben sich zwei lustige Sommerlauben aus prachtvollen Weinreben. Inmitten der Weinreben bemühten sich zwei Vogelscheuchen, gekleidet wie die Lubins der komischen Oper mit Perücken und mächtigen Dreispießen, die Vögel zu verscheuchen, was aber Grünfinken und Bachstelzen von den Trauben nicht abhielt. In allen Ecken des Gärtchens leuchteten Sonnenblumen, Stockrosen und Astern wie die Leuchtgarben eines Feuerwerks. Rings um diese Büschel wogte unablässig ein lebendiger Schnee von weißen Schmetterlingen, unter die sich Federn aus dem nahen Taubenschlag mengten. Jede Blume und jede Traube war von einem Schwarm von Fliegen aller Farben umgeben, die im Sonnenschein glänzten. Die Fliegen summten, die Kinder schwatzten, die Vögel sangen und das Gesumme der Fliegen, das Geschwätz der Kinder und der Gesang der Vögel vermischte sich mit dem ununterbrochenen Girren der Tauben und Turteltauben.
Am Abend meiner Ankunft, nachdem ich bis in die Nacht den freundlichen Garten bewundert, lud mich die Lavatreppe ein, und es ergriff mich die Lust, beim Schimmern der Sterne bis zu den Ruinen der gotischen Kirche hinaufzusteigen, die dem hl. Werner gewidmet war, der zu Oberwesel den Märtyrertod erlitten. Nachdem ich die sechzig bis achtzig Stufen ohne Absatz und Geländer emporgeklettert, langte ich auf der mit Gras bewachsenen Plattform an, auf der sich das schöne alte Schiff ohne Ringmauern mächtig ausnimmt. Während im dunklen Schatten die Stadt zu meinen Füßen schlief, bewunderte ich den Himmel und die massigen Ruinen des Pfalzgrafen-Schlosses durch die mit Maßwerk und Rosetten reich versehenen Fenster. Ein milder Nachtwind beugte die trockenen Gräser unmerklich nieder.
Plötzlich fühlte ich, daß die Erde unter mir nachgab und einsank. Ich blickte nieder, und im Sternenlicht erkannte ich, daß ich auf einem frischgegrabenen Erdhügel stand. Ich schaute ringsum; schwarze Kreuze mit weißen Totenköpfen standen überall um mich. Ich erinnerte mich der leisen Wölbungen des Bodens, die ich von unten aus bemerkt. Ich gestehe, daß ich mich in diesem Augenblick des Schauers nicht erwehren konnte, den so Unerwartetes einflößt. Mein schönes Gärtchen voll Kinder, Vögel, Tauben, Schmetterlinge, Musik, Licht, Leben und Freude'
war ein Friedhof.

Ziege

Victor Hugo "Das Dorf der Barbiere" aus "Le Rhin"

"Auf seinem Spaziergang von St. Goarshausen durch das Schweizertal Richtung Ruine Reichenberg, trifft Hugo auf kaum mehr sichtbare Mauerspuren eines verschwundenen Dorfes, das sich das Dorf der Barbiere nennt." Hierzu berichtet er folgende Geschichte:

"Der Teufel, der Friedrich dem Rotbart wegen seiner vielen Kreuzzüge zürnte, kam eines Tages auf den Gedanken, ihm den Bart abzuschneiden. Das war ein tüchtiger Schabernack, sehr passend für den Teufel dem Kaiser gegenüber. Er richtete es also mit Hilfe einer dortigen Dalila (*) ein, daß durch irgendeinen plötzlichen Zufall der Kaiser auf seiner Reise durch Bacharach dort einschlafen und von einem der vielen Barbiere der Stadt des Bartes beraubt werden solle. Aber Barbarossa, als er noch einfach Herzog von Schwaben war, hatte in der Zeit seiner Liebschaft mit der schönen Gela eine alte Fee von der Wisper sich zu Dank verpflichtet, die dem Teufel entgegenzuarbeiten beschloß. Die kleine Fee suchte unter ihren Freunden einen sehr dummen Riesen auf und bat ihn, ihr seinen Sack zu leihen. Der Riese willigte ein und bot sich sogar diensteifrig an, die Fee zu begleiten, was diese annahm. Die kleine Fee machte sich wahrscheinlich etwas größer, ging dann nach Bacharach in der Nacht vor des Kaisers Durchreise, nahm, während sie tief schliefen, alle Barbiere der Stadt, einen um den anderen, und tat sie in den Sack des Riesen. Hierauf bat sie diesen, den Sack auf die Schulter zu nehmen und ihn recht weit wegzutragen. Der Riese, der wegen der Nacht und seiner Dummheit nichts von allem gesehen, was die Alte getan, gehorchte ihr und ging mit dem Sack auf dem Rücken in großen Sätzen über das entschlummerte Land hin. Indessen fingen die Barbiere von Bacharach, hier dicht zusammengekeilt, an, zu erwachen und in dem Sack zu wimmeln, der Riese aber sich zu entsetzen und seine Schritte zu verdoppeln. Als er über Reichenberg schritt, nahm einer der Barbiere, der seine Barbierzeug bei sich hatte, das Messer aus der Tasche und schnitt ein großes Loch in den Sack, durch das sämtliche Barbiere, ein wenig zerdrückt und zerschlagen, unter schrecklichem Geschrei in die Dornenbüsche fielen. Der Riese glaubte, ein Nest voll Teufel auf dem Rücken zu haben, und lief eiligst davon. Des anderen Morgens, als Barbarossa durch Bacharach kam, gab es dar selbst keine Barbiere, und als seinerseits Beelzebub eintraf, rief ein spöttischer Rabe von der Mauer des Stadttores dem Herrn Teufel entgegen: ‚Mein Freund, du hast inmitten deines Gesichts ein sehr großes Ding, das du im besten Spiegel nicht sehen kannst, das heißt, eine lange Nase, womit du abziehen mußt’."
Seit jener Zeit hat Bacharach keine Barbiere. War soll sein, dass noch heutzutage dort kein Baderladen zu finden ist. Was die von der Fee verschleppten Bader betrifft, so schlugen sie ihr Geschäft an demselben Ort auf, wo sie zur Erde gefallen, und bauten dort ein Dorf, das man Badersdorf nannte. So geschah es, dass Kaiser Friedrich I, genannt der Rotbart, seinen Bart und seinen Beinahmen behielt.

*Dienerin, Gehilfin

Aurelio dè Georgi Bertola
• Johann Kaspar Riesbeck
• Carl Gustav Carus
• Clemens Brentano
• Achim von Arnim
• Victor Hugo
• W.O. von Horn
• Stille Gespräche



Hugo


























































































































Hugo