Rheinromantik
Reiseberichte
Clemens Brentano (1778-1842)
einer der begabtesten und zugleich rätselhaftesten Künstler der deutschen Literatur, veröffentlichte 1801, unter seinem Pseudonym "Maria" seinen einzigen vollendeten Roman "Godwi".
In "Godwi" findet sich auch die Ballade "Zu Bacharach am Rheine wohnt eine Zauberin" in der zum ersten Male in der Literatur der Name Lore Lay einer Frau zugeschrieben wurde. Brentano begründete hiermit den Lore-Lay-Kult und gleichzeitig den Beginn der literarischen Rheinromantik!
Von den Zeitgenossen wenig beachtet, gilt der "Godwi" heute als ein zentraler Text der Frühromantik.

Mönchs

Ein "verwilderter Roman" und "ein Buch ohne Tendenz", wie der Autor in seinem Vorwort selbst schreibt, ist "Godwi" in meinen Augen ein "Total-Roman", ein Fingerzeig, weit in die heutige Moderne – von der Avantgarde des1800 Jahrhunderts – Ausdruck einer der kühnsten Phasen der Deutschen Literatur – und wenig bekannt. Der Autor bedient sich dabei einer erzählerischen Technik, " die dem von Friedrich Schlegel geforderten romantischen Prinzip der autonomen Subjektivität, der schweifenden Willkür und der Ironie" entsprach. Entstanden ist das verworrene und verwirrende "Labyrinth dieses romantischen Venusberges"(Görres), dessen "Genialität,… Gefühl, Wizz, Geist und Raisonnements" Wieland lobte, dessen sexuelle Freizügigkeit, aber ausgerechnet Friedrich Schlegel tadelte. Er hat den "Godwi" gelesen und in "Bausch und Bogen" verworfen. Ein Jahr später fuhr er selbst an den Rhein und begeisterte sich an der Landschaft.

Hier einige rheinromantische Textauszüge aus "Godwi", lesen sie selbst:

- Es rauschte der breite Rhein nur noch als Musik aus der Ferne, aus den Dörfern und dem nahe liegenden Städtchen klangen die lustigen Walzermelodien, unordentlich doch gleich taumelnd und kreisend zusammen. Der süße Mostgeruch drang unter seinem Fenster von den Weinbergen herauf, der nahe Wald säuselte, und in der herrlichen trunkenen Landschaft schossen jauchzend Schwärmer und Raketen in die Höhe und zerplatzten noch fröhlich im Tode – aber Godwi konnte seinen bösen Mut nicht bezwingen. Es war ihm wie einem alten Popanz aus den Kindermärchen, der Menschen gewittert hatte.

- Der Sonnenuntergang, zwischen den Felsen und Wäldern, war eine Zwischenrede der Natur in mein Leben, ich war entzückt, wie ein Heiliger, die Flammen und Gluten brachen sich so geisterisch, so tausendfaltig lebendig, gestaltlos und beweglich in der heftig und rau gruppierten Wildnis, und das Rauschen des Rheins stieg so mächtig in der allgemeinen Stille, als höre ich das Sieden der flammenden Geister um mich her, die in einem geheimnisvollen feurigen Tanze sich gaukelnd über die dunkeln Wälder und Schluchten hinschleuderten. Ich sah mit einer mir noch unbekannten Ruhe zu, wie ein Licht nach dem anderen dem Schatten wich, und fühlte, wie sich zugleich im Ebenmaße mein Gemüt veränderte.

- "Wo ist diese Aussicht " fragte Godwi, "wenn Sie sie nicht wie eine Geliebte verbergen. "—" Am Rhein, auf einer herrlichen Stelle"
"Gut, so habe ich sie wahrscheinlich auch gehabt, und es sind wirklich Gesichtspunkte am Rhein, die ich nicht auszusprechen wage ".
"Ich saß höher als der höchste Berg der Gegend, auf der Spitze eines jungen Baumes, den eine mutige Hand in die höchsten Trümmern eines zerstörten Turmes gepflanzt hatte; über Untiefen von Wald, die wie Katarakte und stürmende Heere unter meinem Blicke auf und nieder stürzten, brauste der herrliche Fluß des üppigen Friedens und der trotzigen Ruhe. Ringsum weit die Städte und Flecken hingesäet, viele tausend Blicke auf meinen Standpunkt gerichtet, in tiefer Einsamkeit, Vor- und Nachwelt um mich aufgelöst in ein unendliches Gefühlt des Daseins. Ich hatte ein trauriges Herz voll verschmähter Liebe da hinaufgetragen, so recht gar nichts da oben erwartet, und ging mit einer sehr breiten Resignation durch den Wald. Aber der Mensch ist so eng in sich selbst gefangen, dass er sich meistens selbst verzehrt, wo er die Welt verzehren sollte. Ich weinte, als ich die Aussicht mir erschloss, vor Scham, und fühlte, wie meine Tränen gelinde auf der Wange trockneten, und sich meine Seele wie der Duft einer Blume zum Himmel hob; mein Körper wuchs in den Stamm, der mich trug, und meine Arme streckten sich wie Zweige in die Luft: da war mir wohl, und ich sah den Zugvögeln nach, die neben mir vorüberreisten, wie Freunden, die noch nicht zur Ruhe gekommen sind, und wünschte ihnen glückliche Reise "

- Alles, alles freudig hingeben, Freude und Lust, Freundschaft und Liebe, alle stolzen Leiden der Demut, alle Träume und Pläne freudig hingeben in dieses Wehn der Luftströme, diese Tiefe voll großer Natur, diese freundlich herandringende Ferne, war meine letzte Reflexion, meine Begierde war Tauben nach, die sich freudig hinabstürzten, wo der Rhein den Fuß der grünen Berge küsste, deren Häupter von seiner rauschenden Umarmung trunken zu drehen schienen, und es war mir, als walle die Seele des kräftigen Stromes herauf durch die Adern des Berges, wie warmes lebendiges Blut, und der Boden lebe unter mir, und alles sei ein einziges Leben, dessen Pulsschlag in meinem Herzen schlage. Hier hat alles ein Ende, und alles ist gelöst, hier ist alles vergessen, und ein neues Leben fängt an. – Der Mensch ist das Höchste nicht im Dasein, sonst wäre keine Mühe in ihm, und keine Stufung der Vollkommenheit: der Mensch ist nicht frei, er könnte sonst nicht wieder zurück ins enge dunkle Haus, er stürzte sich eher hier hinab. – Gefangen sind wir, wie das Weib, das ewig nach den Schmerzen der Geburt sich gerne wieder zum Werke der Lust hinwendet, gefangen sind wir, wie Leichtsinn und Schwermut, zwischen Schmerz und Lust, und die Freiheit besteht in der Wahl zwischen zweien, wo uns das eine schon so ermüdet, dass wir das andere gern ergreifen – und was ist endlich die heiligste stolzeste philosophische Ansicht als die Krankheit der Flamme, die zu verlöschen droht, um sich selbst zu sagen: Ich bin das Licht und entzünde alles. – Man kann höchstens so eine traurige Ansicht haben, wenn man nach Hause geht, und sich mit Hoffart trösten will, oder wenn man kömmt und sich vornimmt, doch etwas Besseres zu sein; - aber was hilft es endlich, wenn man hier steht, da muß das traurige Zeug, der konsequente eitle Trost doch zurückbleiben, denn wahrlich, er ist das verdienstliche Bemühen der schweren Arbeit, und es wäre für jeden, der hier steht, eine sehr mitleidwürdige moralische Betrachtung, an die Verdienste der Philosophen und Gelehrten zu denken. Fast möchte ich glauben, dass das ruhige volle Genießen des einfachen unschuldigen Menschen der Gipfel des Lebens ist, und ich will mich bestreben, ein Trinker zu werden, und mir meine Weingärtner zu halten.

Gegen den Herbst verließ er D. und ging an den Rhein. Von hier schrieb er selten, aber seine ganze Stimmung drückt sich in folgenden Worten eines Briefes aus, die ich nie vergessen werde: " Vorige Nacht saß ich oben bey dem Schlosse der Gisella und sah unter mir den Rhein und in den dunklen Fluten den Mond und die Gestirne abgespiegelt und von den schäumenden Wellen gegen die Felsen geworfen, als würden sie zertrümmert. Sieh so steht die Tugend und die Schönheit ewig unverrückt und nur ihr Abglanz wird von unserem dunkeln tosenden Leben bewegt."

-Die Berge waren nicht zu hoch, und die Thäler nicht zu tief, und der Rhein nicht zu breit, die Freude und Gesundheit ebnete und einigte Alles zu einem mannichfaltigen Tummelplatz glücklicher Menschen. In einer Abtei, die er besuchte, fand er recht lustige Mönche, die ihn gern unter sich behalten hätten, denn er trank mit ihnen herzlich und sang ihnen muntere italienische Arien zur Orgel."

"Godwi reiste mit frohem Muthe nach dem Rhein, trank mit den fröhlichen Weinlesern und küßte die schönen lustigen Mädchen, wenn er mit ihnen getanzt hatte. Es war ein herrliches Leben, eine einzelne Liebe war nicht möglich, der Mensch konnte sich nicht zum einzelnen Menschen neigen, es war alles wie in einer goldenen Zeit, man liebte Alles und ward von Allen geliebt. –(Kein Schelm, wer beim Lesen dieses Textes sich an die "Freie Liebe" der 68er-Zeit erinnert fühlt.)

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